Ökologische Krise, Armut und Kirche:
Spiritueller Weg für eine umfassende Ökologie

                                                                        Carlos Ignacio Man-Ging, SJ

Das Jahr 2016 beginnen Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen, die im vergangenen Jahr Opfer des Krieges, der Gewalt und des Hungers wurden. Das ist nichts wenn wir unseren Blick auf die Umwelt, das Drama der extremen Armut, der soziale Ausgrenzung und des Krieges richten.  Das Maß ist überschritten, das gesamte Leben bedroht. Unser Gesellschaftsmodell basiert vor allem auf Konsum, es lässt die nachhaltige Erneuerung der Ökosysteme und Naturschutzgebiete nicht zu. Es wird zwingend notwendig, unseren Lebensstil zu ändern, einen Modus der Solidarität mit den Generationen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu finden, um schlussendlich die Klimastabilität und ein ökologisches Gleichgewicht zurückzugewinnen. Wenn die politischen Möglichkeiten fehlen, die allerärmste Bevölkerung in der Welt zu begünstigen, werden die Ergebnisse von Kyoto, Rio de Janeiro, Addis Abeba, Paris, Gefahr laufen, sich zu verkehren.

Dazu kommt,  dass sich insbesondere durch die verheerenden Auswirkungen der Emissionen von Treibhausgasen in den letzten Jahren ein echter Umweltnotfall ankündigte. Bleiben wir nicht nur bei der Temperaturänderung stehen, sondern ziehen wir eine  komplexe Reihe von Aktionen wie zum Beispiel Erziehung, Veränderung der Müllkultur, der Beziehung zum Wasserverbrauch in Betracht. Da wir in der Regel in demokratischen Gesellschaftssystemen leben, sind politische Entscheidungen nur durch das Bewusstsein von Menschen zu bewegen, die sich für die Umwelt, entsprechend ihrer jeweiligen Raum-Zeit-Koordinaten engagieren.

 Die große Vielschichtigkeit des ökologischen Problems lässt uns eine innerste soziale und spirituelle Krise erahnen. Der sakramentale Sinn der Schöpfung – als Einheit von Schönheit und Weisheit der der Welt ihren Wert verleiht – wird getrennt. Wenn für einige Philosophen die Sprache „das Haus des Seins“ ist, so sollten wir in dieser Umweltkrise die Frage nach der Sprache, für die Herausforderung, unseren Lebensraum als einen Ort des Respekts vor der Schöpfung berücksichtigt. Die Weisheit der Völker muss dabei integriert werden. Die erste Änderung wird eine Öffnung sein, die die Sprache von den exakten Wissenschaften oder der Biologie wandelt. Sie bringt uns von Wesen des Menschseins zum himmlischen (vollkommenen) Geheimnis. Eine Sprache, die uns näher an der Natur und der Umwelt zum Staunen der Wunder bringt.

Die Kirche muss hier eine aktive Rolle spielen. Die Soziallehre der katholischen Kirche hat durch Reden und offizielle Dokumente ein großes Bewusstsein für Umweltprobleme bewiesen. Die Theologie der Befreiung hat in diesem Sinne die Würde des Menschen bestimmt, das heißt die Suche nach Harmonie und die nachhaltige Veränderung in weltweiten Projekten.

Ich empfehle ihnen das spirituelle Lesen der Enzyklika Laudato si' (LS 2015) von Papst Franziskus verbunden mit dem hoffnungsvollen Gesang des Magnificat (Lk 1, 46-56). Sehen wir die beiden Texte als Dialog über die Tugenden: die Demut, die Genügsamkeit, die Versöhnung. Diese Texte feiern dank eines wirkungsvollen Engagement, die Würde als Wert des Lebens.

                                                                      

Die Revolution der Barmherzigkeit

Trotz der scheinbaren Einfachheit des Textes des "Magnificat", ist es ein Paradox mit einer verborgenen Weisheit, für die, die es mit reinem Herzen empfangen. Dieses besondere Lied spricht ein junges Mädchen aus dem Volk Israel und konfrontiert uns mit einer doppelten Absicht. Zunächst ist es die Haltung von "anawin" (hebräischer Begriff: die Ärmsten Jahwes), mit einer persönlichen Geschichte des Heils und es verkündet eine spirituelle Erfahrung der Heiligkeit des Namens Gottes. Zweitens ist es ein Anerkennen unseres gemeinsames Schicksals in einer Verknüpfung aus der Geschichte mit dem Licht und Schatten (Vergangenheit), als auch den Möglichkeiten (Gegenwart) und den Träumen und der Hoffnung unserer Völker (Zukunft).

Das Treffen von zwei „gesegneten“ Frauen, mit dem Geschenk des Lebens in ihren Leibern, erfolgt unter erstaunlichen Bedingungen: die Freude besiegt den Vorwurf der Unfruchtbarkeit bei Elisabeth. Aber, vor allem die Freude am Glauben in der Erfüllung der Verheißungen des Heils bei Maria.

Es ist eine "Revolution" die einen Traum erlaubt von weltweiter Gerechtigkeit und göttlicher Barmherzigkeit. Was sich in diesem Lied abspielt ist die Feststellung unerwünschter Ungerechtigkeit die sich in Erlösung und Barmherzigkeit verwandelt. Diese Änderung ist eine Einladung, eine freie Wahl, dem Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Nächstenliebe zu folgen. Folgend einige Punkte auf unserem Pilgerweg in Richtung einer umfassenden Ökologie.

1.  Preis und Dankbarkeit: so viel Gutes empfangen wir durch die Schöpfung, sie macht uns "anmutig", weil "deine Barmherzigkeit von Generation zu Generation existiert."

Der Text des Evangeliums bei Lukas lädt uns ein, von ganzer Seele, mit dem Geist und dem Herzen zu singen: die Größe der Schöpfung (Schönheit, Weisheit) Freude am Schöpfer und Erlöser, sowie dem Recht des Menschen zu leben und glücklich zu sein. Zweitens, die Achtung vor der Schöpfung die Dankbarkeit beinhaltet, die (heraus)wächst wie ein Geschenk und nicht behandelt wird wie ein Objekt das man besitzt. Drittens, die Barmherzigkeit, die den Blick weitet auf den Erlöser aller Generationen nach dem Grundsatz des guten Gemeinwohls, der Solidarität die alle mitkommen lässt, die Schöpfung als Lebensraum, der Erlösung, der Leben ermöglicht in Gemeinschaft im gegenseitigen Geben. Uns überflutet das Lob und der Dank der Freiheit, die uns gut tut, so dass wir eine Kultur der Gleichgültigkeit, der Eigenliebe und -interesse vermeiden. Die Bescheidenheit ist die Möglichkeit zur Versöhnung die uns fruchtbar macht, uns von krankmachender Herrschaft befreit.

2.  Mit den Augen des Glaubens: "Der Mächtige hat Großes an mir getan." 

Es ist Realität mit den Augen des Glaubens zu sehen, die großen Wirklichkeiten in den kleinen Dingen, wie die Gaben mit denen wir den Tisch decken. Uns zu segnen um uns solidarisch zu machen, um die gegenwärtige Liebe Gottes in den Kreaturen zu entdecken. Aber es erfordert große Kreativität, um zu beurteilen, wie klein und einfach, wie befreiend es ist, einen prophetischen und kontemplativen Lebensstil zu genießen. Jedoch versöhnt dieser Prozess und heilt unsere Beziehung zu Gott, mit anderen und mit der Erde. Daher spricht man von einer "Kulturrevolution" in ihrer vollen Bedeutung: den unveräußerlichen Wert der menschlichen Person, insbesondere in der Wechsel-beziehung und gegenseitigen Abhängigkeit zwischen den Menschen zu sehen. Den Schöpfer zu betrachten, seine Gegenwart zu finden und in diesem Sehen zu einem aktiven Engagement zu kommen, als Beschützer des göttlichen Werkes im „tugendhaften“ Leben. So erobern wir eine neue Freiheit um neue Freude zu genießen, die wir im Dienst der Würdigung der kleinen Dinge gewinnen.

3.  Eine „umsonstige“, großzügige Präsenz: "seine Barmherzigkeit zeigt er von Generation zu Generation".

Das Magnificat zeigt uns einen Weg, die Tiefe des Lebens durch die Wandlung der Herzen zurück zu gewinnen: die Demut, die die Heiligung unseres Seins zulässt und die Barmherzigkeit empfängt, besonders in unserer Schwachheit und unserem Hunger nach vollem, gutem Leben. Daher ist der Stolz der Mächtigen (wenn der Kontakt zur Wirklichkeit, zu den am stärksten gefährdeten Personen fehlt) ein Spiegelbild ihrer geringen Fähigkeit im geistigen Leben. Es fehlt ihnen die Vertiefung der Seligpreisungen des Evangeliums. Die Leistung, basierend auf einer Logik der politischen Unmittel-barkeit, verfolgt einen kurzfristigen Gewinn ohne Beachtung der langsameren Rhythmen der Natur und der Kulturen, sie verschwendet keine Zeit um auf die Not zu schauen. Trotzdem ist das hohe Wachstumstempo nicht wirksam um die wirklichen Bedürfnisse der Allerärmsten zu erfüllen.

4. Die Armen als theologischer Ort: "die Hungrigen beschenkt er mit seinen Gaben".

Es ist ein Wachstum in Solidarität mit den Armen und künftiger Generationen, wenn sie das Land erhalten, das sie erben. Es ist das beste Geschenk des Lebens oder es wird vielleicht die Zerstörung einer Welt, damit ohne Zukunft. Nicht die Unterdrückung der Freiheit, sondern, dass sich Politiker orientieren und bewegen und die Würde und das Wohl der Menschen erhalten. Vor allem bei den Frauen, mittels eines besseren Zugangs zu Bildung auf allen Ebenen, weltweit eine Gleichheit der Möglichkeiten herstellen, ohne Diskriminierung und vor allem Schutz vor sexuellem Missbrauch.

Sind die Millionen von ausgeschlossen bloß Kollateralschäden? Der Papst erinnert an die schwerwiegenden sozial-ökologischen Schulden mit den Armen der Welt. In der Enzyklika werden die Rechte über neue Titel die jeder Mensch hat, bekräftigt, in der Wassernutzung, bei den Nahrungsmitteln und der persönlichen Gesundheit. Die Landwirte sind in ihrer Arbeit aufgefordert, eine nachhaltige Nutzung zu intensivieren, den Respekt der Pflanzen- und Tierarten zu achten, diese nicht nur als Ressourcen zu nutzen, sondern als Wert und Teil der Schöpfung. 

5.  Die Kirche ahmt die liebevolle, beschützende Art Gottes nach: "Er nimmt sich seines Knechtes Israel an".

Sie folgt dem Beispiel der freien Hingabe Christi als dauernde Aufgabe um die Dynamik von Beherrschung zu vermeiden. Die Soziallehre sagt und schlägt uns einen Weg der Orientierung vor, die sich einsetzt in Werken und Worten; den Schutz der Natur als Teil eines Lebensstils zu leben, der die Fähigkeit beinhaltet in Gemeinschaft zusammen zu leben.

Die Sorge um die Brüchigkeit der Armen ist unser Auftrag, weil Christus selbst das Gesicht des Allerärmsten angenommen hat und uns zeigt, dass unsere vorrangige Option für die Armen die Brücke ist, die uns mit Gott und der Schöpfung vereint. Eine arme Kirche mit ihren Licht- und Schattenseiten, ist eine Kirche der Armen. Wenn sie sich ihres Reichtums und der Macht „entledigt“, dann erfährt sie den armen Christus. 

Auf dem Weg zu einer umfassenden Ökologie: "Der Mächtige hat Großes an mir getan."

Die Enzyklika Laudato si’ erinnert uns an die Bedeutung der Gemeinschaft wie in unseren kirchlichen und politischen Gemeinden. Der moderne Individualismus und seine narzisstischen Folgen haben versucht, die Welt aus dem Paradigma der Selbstreferenz (Eigenhuldigung) zu erklären und Gott als den Schöpfer des Werkes wegzudenken.

In diesem Text verfolgt "Integration" die wissenschaftlichen, technologischen, psycho-sozialen, kulturellen und spirituellen Erkenntnisse. Die kirchliche Antwort enthält die Sorge um die Beeinträchtigung der Natur (Verlust der biologischen Vielfalt), der Lebensqualität und den deutlichen Anstieg der Armut in der Welt und der Suche nach größerer Glaubwürdigkeit des menschlichen Seins, das das Schwächere schützt. Das zwar schwach in sich selbst ist, in den Armen um sich herum und der Natur, das dennoch das gemeinsame Haus ist.

Die geistige/spirituelle und moralische Führung der Kirche ist ein Weg des Heils und des Dienstes. Der Rettung durch Gott weil wir an Gott glauben der erlöst. Wir sind alle dazu  aufgerufen, dem Göttlichen in der Natur zu dienen, im großzügigen Geben.

 

Das Dokument "Laudato si’" schlägt eine ganzheitlichen Form des Bewusstseins unserer Verantwortung für unser gemeinsames Haus in dem wir leben, vor. In dem die Vielzahl der Wesen in Beziehungen treten, sie den Schrei der Erde, der Armen und Ausgegrenzten hören. Es fragt uns an nach unserer Sünde, denn uns betrifft alle die Umweltzerstörung. Der Vorschlag „Integrale Ökologie“ sichert ein Paradigma (Modell) gerechter Beziehungen.

Die Stunde der Bekehrung/Wandlung des ökologischen Umbaus ist gekommen. Integrale Ökologie mit zwei Tugenden die wir vergaßen aber immer in der menschlichen Weisheit und im Gespür der christlichen Gemeinschaft gültig waren, ist angesagt: Demut und Dankbarkeit!

Ohne diese Voraussetzungen ist es nicht möglich, ernsthaft über die Schöpfung und das was sie bedeutet nachzudenken, auch dann nicht wenn wir Sein tiefstes Geheimnis Seiner Großzügigkeit nicht verstehen .

Antwort einer wahren Umkehr und Erneuerung der Menschheit scheint in einfachen Alltagsgesten durch, es zeigt sich durch Ausgeglichenheit und Tiefe des Lebens, der Arbeit und menschlichen Entwicklung. Es ist eine neue Haltung die aufkeimt in der freien Erkenntnis und der persönlichen und gemeinschaftlichen Möglichkeit das Geschenk des Lebens in einer guten, wahrhaftigen und schönen Umgebung, anzunehmen

Nur dann kann eine Revolution möglich sein die das Herz verwandelt, die Gewalt besiegt, die Ausbeutung und Selbstsucht die den Armen die Freiheit anbieten kann, kurz und bündig, mein Leben in die Schönheit Gottes und sein Werk zu übertragen um damit das Reich Gottes sichtbar zu machen.